Chemie, Kunst, Chemie als Kunst?

In einem Essay in der aktuellen Ausgabe von Spektrum beschäftigt sich Chemie-Nobelpreisträger Roald Hoffmann mit den  Parallelen zwischen chemischer Synthese und Kunst. Der Vergleich ist aufschlussreich. Wie in der bildenden Kunst hat man Rohmaterialien mit spezifischen Eigenschaften, deren Potenzial Chemiker Stück für Stück entschlüsseln, indem sie neue Techniken und Kombinationen entwickeln. Dabei kann man durchaus mal Überraschungen erleben, und die erweisen sich dann nicht nur als wissenschaftlich interessant, sondern oft auch ästhetisch sehr wertvoll. Das jüngste Beispiel sind zweifellos die unperiodischen, aber nichtsdestotrotz regelmäßigen Muster, die Quasikristalle erzeugen.

Ästhetik und Bedeutung: Beugungsbild eines Quasikristalls. Bild: Materialscientist, CC BY-SA

Dan Shechtman verbrachte seine Zeit damit, Aluminium und Mangan zu kombinieren. Bei diesen Metallen sind Anwendungen nicht weit, aber den Nobelpreis bekam er für die aperiodischen Quasikristalle mit ihren ungewöhnlichen Symmetrien, streng genommen erstmal eine ziemlich zweckfreie Kuriosität. Es verwundert denn auch nicht, dass Shechtman auch im klassischen Sinne Künstler ist, und da ist er in der Forschung bei weitem nicht der einzige. Auffällig viele herausragende Wissenschaftler sind kunstaffin – der Chemiker Wilhelm Ostwald zum Beispiel war nicht nur Mäzen, sondern selbst ein exzellenter Marinemaler. Forscherinnen und Forscher fühlen sich zum Besonderen hingezogen, zu den molekularen Kuriositäten. Man darf sich von den steten Beteuerungen, diese oder jene Forschung könne bald Krebs oder Alzheimer heilen, nicht täuschen lassen: Viele Substanzen stellen Chemiker her, weil sie kurios sind, unerwartet oder einfach nur interessant.

Damit ist die chemische Synthese ein besonders gutes Beispiel dafür, wie eng Kunst und Wissenschaft trotz aller methodischer Unterschiede miteinander verwandt sind. Wie in der Kunst kann sich die Chemie stark an natürlichen Vorbildern orientieren, oder aber auf der Basis abstrakter Prinzipien in völlig neue Regionen vorstoßen. Aber die Parallelen gehen tiefer. Beide, Kunst und Wissenschaft, sind kreative Mittel der Welterkenntnis, in deren Zentrum die abstrakte Interpretation steht, die über sinnliche Wahrnehmung hinausgeht. Während Künstler allerdings seit geraumer Zeit schon ihre Inspiration aus der Wissenschaft ziehen, ging man in der Forschung bisher davon aus, dass Kunst zur wissenschaftlichen Erkenntnis direkt wenig beizutragen hat.

Zum Glück ändert sich das derzeit: Wissenschaftliche Konferenzen befasse sich inzwischen mit Kunst nicht nur als Perspektive auf die Welt, sondern als originär wissenschaftliche Ausdrucksform. Mit etwas Glück setzt sich sogar irgendwann die Erkenntnis durch, dass man wissenschaftliche Arbeiten auch in lesbarer Sprache verfassen kann. Zu meinen Lebzeiten rechne ich allerdings nicht mehr damit.

Dafür gehe ich aber fest davon aus, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sich in Zukunft wieder stärker bewusst werden, dass sie Kulturgüter schaffen, deren Bedeutung über die rein fachliche Erkenntnis hinausgehen. Das gilt allemal für die kreativen Schöpfungen der synthetischen Chemie. Das konkrete, neu geschaffene Objekt dient dabei letztendlich als Fokus, an dem sich die übergeordneten Mechanismen und Gesetze zeigen. In der Kunst wie in der Wissenschaft ist das Werk letztendlich ein Mittel zur Welterkenntnis. Claude Monet stellte einmal fest:

“Die Aufgabe des Künstlers besteht darin, das darzustellen, was sich zwischen dem Objekt und dem Künstler befindet.”

Das könnte man auch über die Chemie sagen.

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