Chemie, die verborgene Wissenschaft

Fri, Jun 14, 2013 by Lars Fischer

Chemie, German

Chemie ist die Wissenschaft, der wir im Alltag am häufigsten gegenüberstehen. Andererseits kommt chemisches Know-how gerade in Alltagsprodukten gut getarnt daher – es ist meist Teil von Produktionsprozessen oder den Kontrollmechanismen, die sicherstellen sollen, dass die materiellen Bestandteile der technischen Zivilisation auch das leisten was sie sollen.

Entsprechend sind selbst Nobelpreis-würdige chemische Entdeckungen meist obskur. Während in der Medizin selbst Grundlagenforschung einen klaren Bezug zum Leben (und Sterben) hat und die Physik immerhin die großen Fragen des Universums anbietet (wenn auch nicht die Antworten), muss man in der Chemie schon ein bisschen hinter die Kulissen der Technik schauen, um zu verstehen, was die jeweiligen Arbeiten preiswürdig macht.

Alter Haber-Bosch-Reaktor zur Ammoniaksynthese: Diese oberflächenkatalysierte Reaktion ernährt Milliarden Menschen. Bild: Immanuel Giel

Dabei verdanken wir es der Chemie, dass es überhaupt Nobelpreise gibt: Alfred Nobel machte sein Vermögen in der damals noch jungen chemischen Industrie. Insofern steht die diesjährige Zusammenkunft von 35 Nobelpreisträgern in Lindau für eine besondere Kontinuität: Chemie ist von ihren Anfängen bis heute immer eine ausgesprochen anwendungsorientierte Wissenschaft gewesen, in der die Lösungen für praktische Probleme traditionell einen höheren Stellenwert haben als Antworten auf theoretische Fragen.

Und das spiegelt sich auch in den Nobelpreisen wider: Viele der geehrten Entdeckungen haben enorme technische und wirtschaftliche Bedeutung, zum Beispiel die Palladium-katalysierten Kopplungen des Nobelpreises 2010, das für die Forschung so immens wichtige Green Fluorescent Protein. Nicht zuletzt auch der Preis für Gerhard Ertl, der die katalytischen Reaktionen an Oberflächen erforschte, deren Bedeutung weit über den sprichwörtlichen Katalysator am Auto hinaus geht.

Gäbe es nicht die Forschungen über komplexe biologische Systeme, die regelmäßig der Chemie zugeschlagen werden, müsste man tatsächliche Grundlagenforschung zwischen den Chemie-Preisen mit der Lupe suchen. Der Nobelpreis für Dan Shechtman war eher die Ausnahme als die Regel.

Und so steht die 63. Lindauer Nobelpreisträgertagung dieses Jahr im Zeichen der ganz praktischen Fragen unserer Zeit: Wie können wir in Zukunft mit begrenzten Ressourcen aller Art umgehen? Welche Ersatzstoffe gibt es für die immer wirkungslosen Antibiotika? Und aus welchen Werkstoffen wird die Zivilisation in Zukunft aufgebaut sein. Die Antworten gehen uns alle an.

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